...

Ich bin 5 Jahre alt.
Meine Eltern fahren mit mir und meinem
10-jährigen Bruder mit dem Bus nach Italien.
Das lange Sitzen ist für uns anstrengend und die Gegend,
die zuerst aus immer gleich aussehenden Bergen
und später aus Feldern und Wiesen besteht, ist langweilig.

Meine Mutter, die Reisen generell und lange Autofahrten
im Besonderen hasst, hängt kreidebleich im Sitz
und kann sich kaum um uns kümmern.
Sie ist im dritten Monat schwanger und übergibt sich häufig
in eine braune Papiertüte.

Es gibt nur ein Bild von mir von dieser Reise.
Mein Vater hat mich von hinten fotografiert:
ein kleines Mädchen mit kurzem Röckchen und dünnen Beinen
steht vor dem Mailänder Dom.

Ich erinnere mich an einen Restaurantbesuch in Nizza,
wo mein Vater, für uns sehr überzeugend "Vino Bluto" bestellt.
Ob der Kellner erraten hat, was er wollte, weiß ich nicht mehr.
Da keiner der Eltern die Speisekarte versteht
und die Kellner kein Deutsch sprechen, es ist immerhin erst 1958,
steht schließlich eine Schüssel Reis mit Krabben auf dem Tisch,
vor der aber nur der Reis gegessen wird, die "greislichen Viecher"
gehen komplett zurück.

Und natürlich erinnere ich mich sehr genau an das Highlight
dieser Reise, wo wir auf der Promenade des Anglais spazieren gehen,
wo Straßenkünstler Kreidebilder auf den Boden malen
und die Leute Münzen darauf werfen.

Meine Mutter, mit diesen Bräuchen nicht bekannt,
stürzt auf ein besonders gut bestücktes Bild, ruft ein begeistertes:
"Mei, kommts her, da liegt ja ein Haufen Geld am Boden!"
und beginnt eilig, den Fund einzusammeln,
bis der Künstler sich recht eindeutig als Eigentümer zu erkennen gibt.

Im ersten Moment ist es uns allen sehr peinlich,
aber schon bald beginnen wir, die Mutter damit aufzuziehen.
Bei jeder Gelegenheit hört sie: "Liegt wieder Geld am Boden?"
und es dauert Jahrzehnte bis sich der Spass langsam
aus dem Familiengedächtnis verflüchtigt.

Meine Mutter wird am Samstag 96 Jahre alt.
Es ist aber fraglich, ob sie noch 2 Tage schafft.
Sie stirbt gerade einen langen, einsamen Demenztod
und ich flüchte in Erinnerungen.

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